Stammkunden Reblichten Vogelgespräche Kulturprojekte Marlen Karlen Kontakt  

Kulturprojekte in der Landwirtschaft

Weinkultur

Im vergangenem September entstand in unserer Region eine ungewöhnliche Kunstaktion, die Kultur und Natur verbindet: Marlen Karlen und Guido Lenz von Biolenz aus Uesslingen haben die ÜVogelgespräche&Mac221; realisiert. Dieses Jahr kommen ÜStammkunden&Mac221; und ÜReblichten&Mac221; dazu. Geheimnisvolle Namen für erdverbundene Projekte.

Von Ursula Schaub und Regina Frey

Ein strahlend sonniger Märzmorgen im Rebberg Nobleten bei Dorf. Die etwa eineinhalb Hektaren Bioreben sind 10 Jahre alt. Sie sind bereits gehackt und geschnitten. Guido Lenz, der Biowinzer und Eigenkelterer, steigt mit zwei Mitarbeiterinnen zum Binden in die steilen Gassen zwischen den Rebreihen. Wir gehen mit seiner Partnerin, der Kulturpädagogin Marlen Karlen zum Aussichtspunkt im Westen über dem Rebberg und setzen uns auf den sonnenwarmen Boden. Brennesseln und frühe Wildkräuter drängen durch das ausgebleichte alte Gras. Über dem Ort, wo eine eigenwillige Skulptur aus Holz und Metall steht, lassen sich zwei rote Milane vom Aufwind tragen.

Vogelgespräche

Marlen Karlen erzählt: «Hier sind 46 Vogelarten gezählt worden. Der Rebberg und das Umland sind Lebensraum von 120 verschiedenen Pflanzensorten; man sagt, dass jede blühende Pflanze bis zu 80 neue Lebewesen beherbergen kann.» Der demeter Anbau der Reben hat diese natürliche Vielfalt gefördert: Nur wenig Hofdünger wird ausgebracht, gespritzt wird mit Pflanzenbrühen, die Rhythmen der Natur werden beachtet. So wachsen hier verschiedene Sorten von ausgezeichneten Trauben heran. Daran freut sich allerdings nicht nur der Weinbauer: Wenn im September die Trauben reif werden, können Vogelschwärme grossen Schaden anrichten, wenn man sie nicht am Plündern hindern kann. «Einen Teil gönnen wir den Vögeln gerne», sagt die Kulturschaffende dazu, «und wir halten nicht viel davon, sie mit den üblichen Schiess- und Lautsprecheranlagen zu erschrecken. Aber wir müssen die Trauben vor dem Appetit der Vögel bewahren und uns unseren Ertrag sichern. Eigentlich sollten wir den Rebberg hüten können – wie eine Alp.» Nur, welcher Weinbauer kann sich das heute leisten?



Das Leitbild von Biolenz

Biolenz versteht sich als Betrieb, der nach den Regeln der Nachhaltigkeit

• Ökologischen, biologischen und ganzheitlichen Weinbau betreibt
• Lebensraum gestaltet und sichtbar macht
• Kulturprojekte in der Landwirtschaft initiiert und durchführt
• Aus Produktionsräumen Kunsträume schafft
• Die ganzheitliche Produktion von Lebensmittelngesellschaftlich erfahrbar macht
• Junge und interessierte Menschen in diese Handlungen einführt
• Einen beispielhaften und gesunden Beitrag zur Landwirtschaftspolitik leistet
• Den Boden und die Pflanzen für die nächsten Generationen fruchtbar erhält
• Die Balance des Männlichen und Weiblichen sucht.Biolenz erreicht seine Ziele durch
• Zeremonielle Bewirtschaftung ihrer 2.5 ha Rebland in Iselisberg TG und Dorf ZH
• Ausbau und Erfassen der Artenvielfalt
• Eigenkelterung und -vertrieb der Produkte
• Öffentlichkeitsarbeit; Suche und Pflege von Kontakten zu Landwirtschaft, Kunst und Gesellschaft
• Aufstellen und Instandhalten von Räumen mit vielfacher Nutzung
• Anbieten von zeremoniellen Anlässen und Ritualen im Rebberg




Biolenz: Guido Lenz und Marlen Karlen
Foto: Ursula Schaub


Marlen ist etwas Besseres eingefallen: Den augenfälligen landwirtschaftlichen Zweck, das Fernhalten der Vögel, verband sie mit einer kunstschaffenden Aktion, einer Installation, die den Rebberg zu einem Kunstraum macht. Sie will Menschen ermöglichen, in die Welt dieses Naturrebbergs und seiner Vögel einzutreten und «als Teilhabende an einer kulturellen Aktion selber zur sozialen Skulptur zu werden». Sie hat den Anspruch, damit ein abgeschlossenes Kunstprojekt entstehen zu lassen. So installierten Guido und Marlen im vergangenen Spätsommer im Naturrebberg, mitten in diesem kleinen Tal etwas abseits von Dorf, einen Wagen als Wohnmöglichkeit und luden Interessierte und Freunde ein, sich an den 30 Tagen des Septembers für jeweils 24 Stunden hier niederzulassen. Sie richteten den Wagen mit allem ein, was es für ein einfaches Leben braucht. Ein leeres Buch und ein Tonbandgerät auf dem Tisch gehörten dazu, denn die Besucher sollten ihre Beobachtungen und Erfahrungen bildlich oder literarisch festhalten und jeweils eine Stunde Vogelgespräche auf dem Tonband aufzeichnen. Diese Dokumentation sollte zum Herzstück des Kulturprojektes werden.


Vogel – Gespräche – Bilder – Buch ...
Bild: Biolenz


«Aus der ganzen Schweiz – aus dem Weinland, vor allem aus Zürich und sogar von Genf – sind die Leute angereist», berichtet Marlen. «Allein oder zu zweit, als Paare oder Freunde, Väter und Mütter mit Kindern, Frauen mit Trommeln ... Sie alle waren bereit, ihren Alltag für diesen einen Tag zurückzulassen. Für die von 12 Uhr bis 12 Uhr begrenzte Zeit haben sie sich hier ganz auf die Natur eingelassen und mit dem Ort verbunden ... bei jedem Wetter!»

Produktionsraum wird Kunstraum

Mit ihren persönlichen Eintragungen, Bildern, Zeichnungen und Worten haben die 30 Leute aus dem Üleeren&Mac221; Buch ein erstaunlich rundes und reiches Werk geschaffen. Sie hielten statt der vorgesehenen 30 Stunden insgesamt 720 Stunden Vogelgespräche fest. Marlen Karlen vergleicht den Umfang und das Ergebnis dieser künstlerischen und dokumentarischen Arbeit mit einem Nachdiplomstudium, einem Üshared master&Mac221;, das hier gemeinsam erreicht wurde.


Ferientag im Naturrebberg
Foto: Biolenz


Im Februar sind sie alle zusammengekommen und haben in den Produktionsräumen von Biolenz zwischen den Weinfässern verkostet, was Guido aus den gehüteten Trauben gekeltert hat - den ÜMerum blanc 02&Mac221;, einen ÜMuscat bleu&Mac221; und den ÜDorfet&Mac221;, eine Assemblage aus de Chaunac, Regent, Nero und Baco Noir, den neuen roten Sorten des Rebbergs. Marlen hatte das Bilder-Buch auf eine CD gebrannt und projizierte die Bilderfolge. Im Hintergrund liefen die Bänder mit den vielen Stunden von Selbstgesprächen, Gesang, Musik und Geräuschen. Die zuvor einsamen persönlichen Erlebnisse fügten sich mit denen aller anderen zusammen und wurden zum gemeinsamen Kunst-Werk, zur sozialen Skulptur.


Marlen Karlen und Regina Frey im Gespräch im Naturrebberg Nobleten bei Dorf.
Foto: Ursula Schaub


Der grosse Erfolg ruft nach einer Wiederholung. Deshalb sind die ÜVogelgespräche&Mac221; für diesen September bereits vorbereitet. Zwei weitere Aktionen sind ausserdem dazugekommen: ÜStammkunden&Mac221; und ÜReblichten&Mac221;. Dazu Marlen Karlen: «Während 30 Tagen im Juli wird ÜStammkunden&Mac221; dazu dienen, Knospen an den Stämmen der Rebstöcke zu entfernen. 30 Einzelpersonen haben Gelegenheit, sich vor den Rebstöcken auf die Knie zu lassen, sich hundert Mal niederzuwerfen, um überzählige Knospen mit leichter Hand auszubrechen. Sie können sich je 24 Stunden lang mit der zentralen Frage nach dem Wesentlichen und dem Überflüssigen befassen. Im August steht die Arbeit an, das Laub zu lichten, das heisst die Blätter über den Traubenbeeren zu entfernen und damit eine gute Reifung zu gewährleisten. 30 Leute werden sich den Erfahrungsraum des Blattgrüns erschliessen, die Traubenblätter sammeln und als Lebensmittel erproben und verkochen können. Aus der Dokumentation dieser ÜReblichten&Mac221;-Kunstaktion wird ein Rebblätter-Kochbuch entstehen.» Ohne Zweifel werden auch die drei Aktionen dieses Sommers zum Erfolg. Vielleicht entsteht in Ihnen der Wunsch, mitzumachen an diesem Gemeinschaftsprojekt, das hier bei uns Kultur, Landwirtschaft und Natur miteinander verbindet! Reizt Sie das Wagnis, sich auf ein kleines Abenteuer mit sich selbst einzulassen? Nur zu, Sie werden es nicht bereuen!